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Kloster (Die Reliquien) PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Administrator   
Sonntag, den 28. November 2010 um 07:41 Uhr

Die Reliquien

Darunter sind nicht die zahlreichen menschlichen Überreste zu verstehen, die bei den Grabungen für den Einbau der Kirchenheizung im Januar 1962 in der Klosterkirche ausgegraben wurden. Diese sind, soweit sie nicht in ihren Grüften belassen werden konnten, in einem Ossarium aus Zinn gesammelt und im Altar der Sakristei wieder beigesetzt worden. Reliquien heißen in der Katholischen Kirche die Gebeine von Heiligen oder auch Gegenstände, die mit diesen in naher Beziehung standen.

Die Verehrung der Reliquien stand im Mittelalter besonders hoch, war doch meist ein bedeutender Ablaß damit verbunden. Deswegen steigerte sie sich in den Klöstern und Wallfahrtskirchen zu einem solchen Grad, daß die Herkunft und Echtheit der Reliquien nicht immer einer genauen Prüfung standhielt und ein unrechtmäßiger Erwerb durch List und Betrug und förmlichen Diebstahl für entschuldbar galt. So weiß man, daß Alpirsbacher Mönche in Einsiedeln, wo sie eine Zeit lang sich aufhielten, das Haupt des Hl. Märtyrers Justus entwendeten und nach hier brachten. Vom Bischof von Konstanz und einem Kardinal gedrängt, gaben sie nach dreißigjähriger Weigerung den Schatz im Jahr 1143 wieder heraus. Das Kloster besaß die Reliquie des Hauptes vom Hl. Benedikt als Wunderkraft für Besessene. Die „Chronik der Grafen von Zimmern” berichtet, daß Friedrich von Zimmern ein „würdiges Haylthum” aus dem Heiligen Land mitgebracht und seiner Schwägerin Herzogin Agnes von Teck geschenkt habe. Da diese in der Klosterkirche begraben liegt,  wird man annehmen dürfen, daß sie den kostbaren Schatz dem Kloster vermacht hat. So besaß das Kloster sicher noch viele andere Reliquien, die in der Kirche zur Verehrung und Gewinnung von Ablässen gezeigt wurden. Es ist auch schon vermutet worden, daß der Altar auf der Plattform der mittleren Apsis nicht zum Feiern der Messe benützt wurde, sondern zur Ausstellung solcher Reliquienschreine diente, die über den Lettner hinweg von den Besuchern der Klosterkirche dort besichtigt werden konnten.

Alle diese Reliquien sind, soweit sie nicht bei kriegerischen Überfällen auf das Kloster zerstört oder geraubt wurden, beim Auszug der Mönche im 16. und 17. Iahrhundert von diesen nach Ochsenhausen mitgenommen worden.

Nach altem Brauch der Katholischen Kirche wurden aber auch jedem Altar bei der Weihe solche Reliquien eingefügt. Diese Reliquien in den Altären waren in der Kirche zurückgeblieben, ohne daß in der Folgezeit jemand auf den Gedanken gekommen wäre, nach ihnen zu forschen.

Erst im Jahre 1856, als man den Hochaltar zum ersten Mal aus dem Chor in das nördliche Seitenschiff versetzte, stieß man beim Abbrechen der Altarmensa auf das Sepulcrum („Märtyrergrab”). Darin fand man in einer Glasurne eine Sammlung von zwanzig Bündelchen Reliquien, bei jedem einen Pergamentstreifen und ein Gesamtverzeichnis auf Pergament mit sehr gut erhaltener Schrift in Latein. Darunter befanden sich Reliquien „vom Kreuz des Herrn“, „vom Leib des Hl. Gregorius”, „vom Kleid der Iungfrau Maria".

Der ebenso interessante wie harmlose Fund erregte die Gemüter in Alpirsbach und Umgebung in einer heute unvorstellbaren Weise. Die verschiedensten Stellen stritten sich um den Besitz dieser Reliquien, deren Wert weit überschätzt wurde. Man erzählte sich, auf den Zetteln sei geschrieben, wo im Kloster noch Gold- und Silberschätze vergraben seien, und der Pfarrer wisse das jetzt. (Schon im Iahr 1834 hatte eine Gesellschaft von Alpirsbacher Bürgern die Erlaubnis erwirkt, an verschiedenen Stellen im Kloster nach solchen Schätzen graben zu dürfen, jedoch ohne jeden Erfolg.) Als bekannt wurde, daß die Reliquien von hier weggebracht werden sollten, machten Alpirsbacher Stellen ein Gesuch an den König, die Reliquien möchten doch hier belassen werden. Man versprach sich davon mindestens eine Anziehung auf Fremde. Eine Zeitung der Umgebung höhnte, im protestantischen Alpirsbach trage man sich mit der Absicht, eine besondere Kapelle für Reliquien zu bauen, um einen Wallfahrtsort zu schaffen. Sechs jahre lang erhitzten sich die Geister, bis die Kirchenleitung in Stuttgart die Übergabe der Reliquien an den Bischof von Rottenburg genehmigte. Am 3. Oktober 1862 durfte der katholische Pfarrer von Aichhalden, der für die hiesigen Katholiken zuständig war, die Reliquien hier abholen, um sie nach Rottenburg zu übersenden. Was weiterhin aus ihnen wurde, ist nicht bekannt. Vermutlich sind sie vom Bischof anderen Kirchen, wahrscheinlich solchen, die in jener Zeit geweiht wurden, übergeben worden. Bedauerlich und heute noch unverständlich ist, daß man über dem höchst nutzlosen Streit versäumt hat, eine Abschrift der Urkunden anzufertigen mit dem Verzeichnis der Reliquien. Es ist durchaus denkbar, daß sich darin das Weihedatum der Kirche gefunden hätte. Eine Nachforschung in Rottenburg nach dem Verbleib der einstigen Alpirsbacher Reliquien und ihrer Inschriften hatte bisher keinen Erfolg.